· 

2015 bis heute - Gedanken zu meinem nachhaltigen Lebensstil

Hand aufs Herz, ich weiß es nicht mehr genau, wann ich angefangen habe, mit dem nachhaltigen Umdenken. Ich glaube es war Sommer 2015, ich war bei meinem damaligen Freund in der Küche und wir haben diese ganzen fancy Müslisachen so richtig abgekultet. Die waren aber immer alle doppelt und dreifach verpackt und das hat uns richtig gestört. Ich fing also an mich damit mehr zu beschäftigen und zu gucken: wo kann ich Verpackungen einsparen, wie kann ich allgemein Plastik sparen? Im Hinterkopf hatte ich immer das Meer, das ich so liebte (und jetzt auch noch liebe), obwohl ich eigentlich nie da war – vielleicht weil ich Wassermann bin? Das wird’s sein. (Kleiner Sidefact: ich wohne ja jetzt in Frankfurt direkt am Wasser, an der schönen Nidda und mir geht’s wirklich besser. Ob Placebo oder nicht, der Effekt ist schon nice).

 

So, weiter im Text. Verpackungen waren also hinterfragt, Ersatzprodukte gesucht und ich tauchte ab in die Welt von Mehrwegflaschen und irgendwann dann auch Unverpacktläden. Doch das, was mich richtig abholte, das war Lush. Ungelogen, ich glaub ich war am Anfang meiner nachhaltigen Reise bestimmt tausendmal im Lush und probierte dort alles Mögliche aus. Ich roch sogar, wenn sie etwas Neues hatten! Ok ja, meine Nase ist sehr gut, aber wie oft muss ich bitte da gewesen sein, um in dem ganzen Geruchserlebnis differenziert neue Nuancen zu riechen? Von den Seifen die ich damals gekauft habe, sind übrigens immer noch viele existent und werden weiterhin aufgebraucht. Ich frage mich, wie lange die wohl noch überleben. Auch, wenn ich heutzutage nicht mehr bei Lush einkaufe, weil ich besonderen Wert auf Naturkosmetik lege und ich das Greenwashing und die Preise von Lush nur so na ja finde, habe ich diese Zeit echt als sehr cool in Erinnerung behalten. Das war so richtig ich. Anne, die anfing verpackungsfreie Kosmetik und Hygieneartikel zu kaufen, Anne, die von ihren Freund:innen zum 22. Geburtstag auch nur Lush-Artikel bekam, weil alle wussten, wie sehr sie das abfeierte. Anne, die dann irgendwann anfing selbst Sachen herzustellen… ach wie schön das war.

 

Diese Anfangszeit, in der man so das erste Mal mit dem Kopf in ein nachhaltigeres Leben gedippt hat, die ist wirklich zu 100% schön. Man fühlt sich voller Tatendrang, möchte seine nachhaltige Lebensweise in die Welt schreien und alles fühlt sich rundum gut und Welt verbessernd an. Ich glaube diese Euphorie hielt bei mir maximal 1 ½ Jahre. Nachdem ich nämlich alles schon mal DIY selbst gemacht, natürlich aus fünf Hausmitteln, die eine Drogerie ersetzen, festgestellt hatte, dass der ganze Kram einfach teilweise überhaupt nicht sauber macht, nicht wirkt oder was weiß ich, kam die Ernüchterung. Plastik zu Sparen wurde zur Belastung, weil es irgendwann ein Krampf wurde. „Was? Das ist in Plastik verpackt? Das kann ich nicht kaufen.“ Dieser Satz wurde zu meinem stetigen Begleiter und zu meiner nicht verschwinden wollenden Schranke. Ich war gefangen in meinem nachhaltigen, plastikfreien Konstrukt und fühlte einen schweren Druck auf mir lasten. Denn wenn man „ja so nachhaltig lebt“ und das auch noch kommuniziert, dann erwarten die Leute wirklich Großes von dir. Es ist so absurd, aber es wird wirklich alles kommentiert, was du falsch machst, was nicht so nachhaltig ist. „Ach was, das isst/kaufst du jetzt? Ist das nicht ein bisschen viel Plastik?“. „Wie, da fährst du hin? Mit dem Auto? Das ist aber nicht nachhaltig.“ „Ski fahren? DU?! Das ist aber nicht nachhaltig.“.

 

JA! I know! Das ist wirklich alles nicht nachhaltig, aber das und das und das und das und AH! Was soll ich denn machen? Ich lebe nur mal in der ersten Welt. Ich bin nun mal ein riesiger Teil des Problems, obwohl ich schon ein bisschen kleiner geworden bin. Ich bin nicht perfekt.

 

Der Druck von außen, der Druck von innen, das belastet einen. Hinzukommt dann noch diese Angst davor was passiert, wenn sich nichts ändert. Wenn sich die Menschen nicht ändern, sich die Welt nicht ändert, alle gleich dumm bleiben, alle weiterhin einen F*ck auf alles geben. Klimaangst, Umweltschmerz, nennt es wie ihr wollt, 2017 und 2018 waren echt harte Jahre für mich.

 

So richtig Hoffnung hat mir dann ein junges Mädchen namens Greta gegeben. Sie war wirklich ein Segen, weil sie irgendwie so viel Bewegung in alles gebracht hat und ich mich auch nicht mehr so alleine gefühlt habe. Endlich wurden wir laut, wir, die Angst vor der Zukunft haben, wir, die auch einfach keine Lust mehr haben zuzuschauen und darauf zu warten, dass es besser wird.

 

Der/die ein oder andere fragt sich sicher, wieso ich nicht aktiver bei fff bin und das liegt glaube ich an meinen Lebensumständen und der Frage: wie kann ich am besten etwas bewirken? Auch hier hat es mich lange gequält, dass ich nicht noch aktiver, noch lauter bin, aber am Ende des Tages habe ich meinen Weg gefunden und für mich akzeptiert, dass mein Blog, mein Instagram und irgendwann auch mein erfolgreich abgeschlossenes Studium der Weg sind, den ich gehen möchte. Ich glaube es geht nicht darum, dass man der oder die Lauteste in der Bewegung wird, immer dabei ist, sondern ich glaube es geht auch viel darum seinen eigenen Platz in der Bewegung zu finden und diesen dann zu füllen und Leben einzuhauchen. Das Schlimmste ist wohl, wenn man gar nichts macht. Keinen Gedanken daran verschwendet, welche Auswirkungen die eigenen Taten für einen selbst und auch für andere bedeuten.

 

Das ist auch das, was mich all die Jahre lang wirklich Nerven gekostet hat und womit ich auch heute noch Schwierigkeiten habe, obwohl ich glaube, dass ich langsam an einem Punkt angekommen bin, an dem ich alles differenzierter betrachten kann. Wieso machen Menschen nichts? Wieso ist ihnen alles egal? Wieso kaufen Menschen billiges Fleisch? Wieso nehmen Menschen so viel Leid in Kauf, einfach nur dafür, dass sie für eine sehr kurze Zeit irgendwas machen, was Spaß bringt, aber keine Erfüllung? Vor allem der Übergang vom vegetarischen/omnivoren Lebensstil in den veganen ändert einiges am Mindset und kostet wirklich Nerven. Wenn Menschen sich davon angegriffen fühlen, wie du isst, dann merkst du einfach, dass da wirklich woanders der Hase im Pfeffer begraben liegt. Es macht einen auch wirklich sauer, wenn man für den Veganismus verurteilt wird und Leute dann so Dinge sagen wie „ohne mein Fleisch kann ich nicht“, „das schmeckt alles nicht“, und und und. Das ist so verbohrt, da wird mir auch noch beim Nachdenken darüber schlecht. Aber ich habe meinen Weg gefunden. Ich ignoriere viel weg, das muss man sagen, sonst überlebt man nicht, aber vor allem habe ich meine Grenzen bei den Dingen gefunden, die ich von Menschen als erwartbar empfinde und welche nicht. Zum Beispiel finde ich es nicht schlimm, wenn jemand nicht vegan ist. Ich spreche da auch nie mit jemandem drüber, der nicht explizit fragt. Doch wenn das Thema angeschnitten wird, dann vertrete ich klar die Meinung, dass ich es wirklich nicht verstehen kann, wie man Produkte aus der Massentierhaltung konsumiert, das kann doch einfach niemand gut finden und ich sage auch ganz klar, dass ich der Meinung bin, dass Menschen, die Tiere selbst nicht töten könnten, kein Recht darauf haben, Tiere zu essen. Punkt. Das ist meine Meinung, die kann man gut finden oder schlecht, aber sicherlich ist es eine Meinung, die jede:r bis zu einem gewissen Grad nachvollziehen kann und darüber diskutiere ich auch nicht.

 

Und das ist auch ein riesiger Punkt: ich diskutiere nicht mehr. Sechs Jahre nach dem ersten Step in Richtung Nachhaltigkeit diskutiere ich nicht mehr über gewisse Sachen, rede allgemein nicht mehr so viel über den nachhaltigen Lebensstil und bin irgendwie mehr für mich damit. Klar, wenn das Thema zur Sprache kommt, dann sage ich was, keine Frage, ich bin nicht auf dem Mund gefallen, aber ich mache es nicht mehr so zum Thema. Ich lebe einfach mein Leben, auch irgendwie vor und die Leute merken ja auch, dass ich nur mit dem Rad fahre, vegan lebe und auf viele Dinge achte. Sie fragen dann oder sie fragen nicht, das ist ja auch egal, denn am Ende des Tages muss jedem/jeder bewusst sein, dass ein nachhaltiger Lebensstil gut für alle ist, aber vor allem gut für einen selbst.

Nachhaltig zu leben ist für mich eine fast egoistische Entscheidung, weil es mir auch ein bisschen die Last von den Schultern nimmt, die ich zu tragen hätte, wenn ich es nicht tun würde. Lieferketten hinter tierischen Lebensmitteln und das damit verbundene Leid? Veganismus: check. Regional und saisonal einkaufen? Besser für die Umwelt: check. Nach sechs Jahren aktiver Nachhaltigkeit sind meine Verhaltensmuster in Fleisch und Blut übergegangen und nehmen nicht mehr so viel Raum ein. Ich kann mir so Gedanken über viele andere Dinge machen, mich für andere Dinge stark machen und mich vor allem ganz auf mein Studium konzentrieren. Denn eins ist klar: ich werde irgendwann mal Chefin von irgendwem und verdiene hoffentlich dann so viel Geld, dass ich damit ganz ganz viele gute Dinge unterstützen kann. Also für alle Leute, die sich gefragt haben, wo ich mich in zehn Jahren sehe, die Antwort…

 

In die Politik gehen? Das fragen mich viele und auch ich frage mich das und sage da nur: ja, bestimmt, irgendwann mal, aber nicht jetzt und auch eher nur auf kommunaler Ebene.

 

Was ist die Take-Home-Message dieses ganzen Beitrags? Wohl dass alle Dinge Zeit brauchen, man Hochs und Tiefs hat und dass man sich selbst nicht stressen soll. Irgendwann wird alles leichter, man wird entspannter und vor allem wird man viel gefestigter in seiner Lebensweise und wird dadurch auch nicht mehr so angreifbar. Doch dieser Beitrag ist auch ein bisschen so ein Appell an alle, sich und vor allem auch andere nicht zu stark zu bewerten. Niemand ist perfekt, jede:r findet seinen eigenen (nachhaltigen) Weg und der muss nicht der sein, den Ihr gegangen seid, den ich gegangen bin. Die Welt retten kann man in vielen Facetten und am Ende des Tages sollte man vor allem seine eigene kleine Welt retten, weil man diese tagtäglich spürt und erlebt und das ist ein Geschenk, das man voll auskosten und nutzen sollte.

 

Also macht all die Dinge, die Euch bereichern, die Euch antreiben, die Euch glücklich machen und die Euch auf ganz tiefen Ebenen stärken, Eure Persönlichkeit ausbilden und Euch zu interessanten Menschen machen. Und wenn da nicht alles ganz ökologisch ist, na und? Sobald Ihr Euch anfangt darüber Gedanken zu machen, was ökologisch leben überhaupt bedeutet, geht Euer Prozess des nachhaltigen Lebens ja bereits los…

Kommentar schreiben

Kommentare: 0